WILLIroman Essenz aus dem gleichnamigen Buch von Martine Monod
Am Mittag dieses Tages befand sich die “Mary Ann” weit ab von Japan 11,53 Grad nördlicher Breite und 170,79 Grad östlicher Länge. So wenigstens behauptet das Logbuch. Für Patricia und ihre Freunde besagte das rein nichts. Aber Vincent hatte wie jeden Tag die Karten in Finleys Kabine studiert. Es war ihm lieb, zu wissen, wo er war, wo er sich in dieser ungeheuren Weite befand. Auf dem größten Meer der Welt. Und ich, Vincent Malvern, auf diesem Meer. Diesen Meereswinkel hatte sich die Atombombe zum Domizil erwählt. Dieser Teil des Planeten diente ihr als Versuchstisch für ihre Heldentaten zur See. Die Wasser teilten sich und zogen sich zurück, hundertjährige Archipele streuten für alle Zeit ihre Korallen in die Tiefe, Vulkane tauchten empor, spieen Feuer und sanken ohnmächtig zusammen, die Wogen strudelten in Mahlströmen, die in immer kleiner werdenden Umdrehungen zur Erdrinde hinabstiegen. Hier spielte das Pentagon mit dem Atom. Jedes Mal ein wenig stärker. Fachleuchte hatten das Perimeter festgelegt. Im Käfig gehalten, war die Bombe garantiert harmlos. Vincent wusste, dass er bei einem Versuch, den sich die Militärs lieferten, an Bord der “Mary Ann”, unter der umsichtigen Führung Jake Finleys, so sicher war wie in London oder New York. Dennoch fesselte ihn die Karte. All das ging lautlos vor sich. Wenn sie später zurückdachten, war vielleicht diese lautlose Stille das Erstaunlichste. Eine Apokalypse des Stummfilms. Sie selber blieben reglos, kein Schrei, eben nur das hastige Atmen vor Angst. Wenn dies das Ende der Welt war, so kam es wie das Eis, das die Wasser erstarrt.
Aber es war nicht das Ende der Welt, noch nicht. Nur eine zweite Sonne, die im Westen aufging. Die Wolken hellten sich auf, das graue Meer wurde im Abglanz des Himmels von rosigem Schein überflutet. Die Morgenröte. Eine unmögliche Morgenröte, eine Sonne, die nicht echt sein konnte. Am Horizont flog es wie Funken. Es war die Morgenröte von Eniwetok, eine Morgenröte, die nichts mit dem Sonnensystem zu tun hatte. Bei den Atollen floh die ganze Himmelskunde in wilder Auflösung. Eine andere Milchstraße, mit Gesetzen, die der Mensch noch nicht kannte und nicht voraussehen konnte, einer teuflischen Logik gehorchend. Der Himmelsbrand erstarb. Langsam erlosch die zweite Sonne. Die letzten Funken sprühten auf und schwanden. Die Welt kam wieder ins Gleis. Die blickten sich an. Der künstlich hervorgerufene Morgen war kein quälendes Traumgebilde. Keine Sinnestäuschung des kranken Geistes. Er war Wirklichkeit.
Die Festlegung des Perimeters musste wohl einen Grund haben. Daran zweifelte niemand. Sie hatten die Explosion einer Atombombe beigewohnt - und wenn es in Wahrheit eine Wasserstoffbombe gewesen war, die erste Wasserstoffbombe, würden sie es später erfahren, wenn es nicht mehr so überaus wichtig für sie war.
Nach und nach klarte sich der Himmel auf. Langsam und in sonderbaren Formen zogen die Wolken ab. Darunter gab es Löwenköpfe, Vögel mit ausgebreiteten Schwingen. “Wenn man einen Schluck trinken würde”, schlug Teddy vor. Das war der Schluss, zu dem Teddy gewöhnlich unter den verschiedensten Lebensumständen kam. Sie tranken. Tako, der japanische Steward, mixte die Cocktails meisterhaft wie immer. Als er Vincent das Glas reichte, sah ihn der Arzt an. Tako wandte den Blick nicht ab, Vincent senkte als erster die Augen. Er hatte noch nichts gesagt. Er fühlte sich außerstande, abgedroschenes Zeug von sich zu geben, und was er gern ausgesprochen hätte, konnte er nicht sagen. Weil es ein gewaltiger Fluch war. Auf das Deck fiel Schnee. Ein feiner weißer Staub, der aussah wie Kristallzucker. Am Himmel hing so etwas wie eine Regenwolke, sie löste sich in Asche auf. Auf dem Meer ruhte sie einen Augenblick und verschwand. Auf dem Schiff blieb sie. Ein Schneefall, sacht, watteweich, Flocken einer unbekannten Materie die lautlos herabkam. Ein Schneefall hatte jetzt die Farbe von Schiefer, die glänzenden Flocken schillerten. Der Himmel war blau, abgesehen von der Wolke.
Patricia hatte weiße Haare. In einer Minute. Das Gesicht zum Himmel gereckt, empfing sie lachend dies Manna, mit der Stirn, den Wangen, den Augen, dem Mund. Es machte ihr Spaß. Sie öffnete ein wenig die Lippen, um zu kosten. Es schmeckte nach nichts, wie Wasser. Die auf den Tisch vergessenen Karten purzelten in dem Wolkenbruch durcheinander. Ein bleicher Regen sank geräuschlos auf das Spiel und die Spieler. Diana glich einer schlecht gepuderten Pompadour, Teddy und Allan wirkten fälschlicherweise wie Patriarchen. “Dieser Regen ist weiß”, sagte Vincent, “und die Explosion war vor zwei Stunden.” Tako hustete leicht; jeder wusste, dass es nur ein Hüsteln war, zur Einleitung. “Ich würde nicht gern in diesen Regen kommen, Doktor. Ich glaube, er ist nicht gut.” Er holte tief Luft und sagte: “Allen Ernstes, Miss Van Den Brandt, wir wissen nicht genau, woran wir sind mit all diesen Atomerscheinungen. Es wäre mir lieber, sie gingen hinunter.”
Vier Tage später zeigten sich die ersten Verbrennungen. Patricia war am meisten betroffen. Bei der Ankunft im Hafen wurden sie geprüft. Das große Gefecht der Geigerzähler. Sie waren nicht das erste Schiff, was zurückkehrte. Es klang überall das Klicken der Geigerzähler. Sie wurden in das Tokioer Hospital gebracht.
In diesen Tagen, die ausgefüllt sind von Leid und Qual, begegnete Catherine dem Mann, der sie liebte. Sie besuchte noch einmal Patricia. Catherine saß allein neben ihr und sah sie an, bei keinem Atemzug wusste man, ob ein zweiter folgen würde. Sobald der Atem wiederkehrte, glaubte Catherine an ein Wunder. Nichts zählte mehr als dieser Atem und dieser Anblick. Die Erde hörte auf, sich zu drehen. Patricia starb.
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| Spannende und unterhaltsame Geschichten, Storybook zu beliebten Fernsehserien und empfehlenswerten Filmen sind Programm. | 
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| webtipp | Atomtests Im Rahmen der Entwicklung von Kernwaffen gezündeter atomarer Sprengkopf. Die Funktionsfähigkeit und Wirkungsweise kann auch mit »hydronukleare Tests« mit Bruchteilen von Mengen, in »hydrodynamische Tests« mit chemischen Sprengstoff als Ersatz von Plutonium und Uran sowie durch Computersimulation durchgeführt werden. > Bookmark | 
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| buchtipp |  Christa Wolf Störfall. Nachrichten eines Tages 107 S. - Luchterhand LV 2002 Was ist am 26. April 1986, am Tage des Reaktorunfalls in Tschernobyl, mit den Menschen geschehen? 'Störfall' ist Christa Wolfs Antwort auf diese Frage und ein eindrucksvolles Zeugnis davon, was Literatur bewirken kann, wenn sie sich als engagierte Zeitgenossenschaft zu artikulieren vermag. Das Erleben eines Tages wird durchkreuzt von der Gehirnoperation des Bruders der Erzählerin und vom Reaktorunfall in Tschernobyl. > Haben will!
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